Mannheim - Mumienforschung mit Computertomographie: Wissenschaftler der Uni Mannheim durchleuchten Jahrtausende alte Leichen
Vergrößern Mannheim - Mumienforschung mit Computertomographie | Bild: ©

Mannheim (ddp-bwb). Vor 2400 Jahren muss die ägyptische Frau auf dem Untersuchungstisch in höheren gesellschaftlichen Kreisen verkehrt haben. Das Blattgold an den Händen der Mumie zeugt davon. Jetzt wird sie im Universitätsklinikum Mannheim mit Hilfe der Computertomographie (CT) untersucht. Denn der Blick auf den dunkelgrauen Körper lässt zwar Aufschlüsse über den Grad der Mumifizierung zu, doch um das bei Mumien häufig anzutreffende Fehlen von Organen oder Knochenbrüche erkennen zu können, muss moderne Technik eingesetzt werden.

Um einbalsamierte Leichen detaillierter erforschen zu können, arbeiten in Mannheim die Reiss-Engelhorn-Museen (REM) und das Klinikum im Rahmen des «German Mummy Project» erstmals zusammen. Die Körper werden dazu in ein drei Millionen Euro teures CT-Gerät gelegt. «Der Vorteil dieser Methode liegt darin, dass die Mumien unversehrt bleiben, während wir das Innerste genau untersuchen können», sagt Wilfried Rosendahl, leitender Wissenschaftler des REM. Oberarzt Christian Fink vom Klinikum bringt die Methode auf die schlichte Formel: «Durchleuchten statt Aufschneiden».

Und was lässt sich über die weibliche Mumie mit der Nummer III-130 sagen? Etwa 20 000 Einzelfotos werden bei der Untersuchung am Mittwoch gemacht. Während die Bildschirme eindeutig zeigen, dass sowohl sämtliche Organe als auch das Gehirn bei der Mumifizierung in typischer Manier entnommen wurden, ist auch ein Knochenbruch am linken Arm deutlich zu sehen. Papyrusrollen sind im Bauchbereich erkennbar. Nicht selten seien auf solchen Rollen Botschaften zu finden, sagt Rosendahl. Die Auswertung aller Daten wird wohl Monate in Anspruch nehmen.

Der 2400 Jahre alte weibliche Körper ist die mittlerweile dritte Mumie, die im Institut für klinische Radiologie und Nuklearmedizin durchleuchtet wird. Noch zwölf einbalsamierte Körper aus verschiedenen europäischen Museen sollen in Mannheim untersucht werden. Wie Oberarzt Fink sagt, gab es zwar schon früher Projekte, bei denen Mumien mit der Computertomographie analysiert wurden. Doch was die Qualität der Geräte angehe, sei das Mannheimer Projekt zurzeit weltweit einzigartig.

«Während wir mit Hilfe modernster CT-Technik heute bei Patienten selbst das schlagende Herz bewegungsfrei darstellen können, spielen Körperbewegungen bei der Untersuchung der Mumien selbstverständlich keine Rolle», erklärt der Mediziner. Auch Techniken, die es erlauben, bei Patienten die CT-Untersuchung so strahlenarm wie möglich zu machen, müssen bei den Mumien nicht verwendet zu werden. Um die reguläre Patientenversorgung nicht zu beeinträchtigen, finden die gemeinsamen Studien abends statt.

Bei zwei Mumien, die im Juni schon vor Nummer III-130 durchleuchtet wurden, handelte es sich um einen ebenfalls 2400 Jahre alten Mann und ein Kind. Beide stammen wie die Frau mit den Blattgoldspuren aus dem Museum der Kulturen und dem Naturhistorischen Museum in Basel. Die Mumien werden von 2010 an auf einer dreijährigen Ausstellungstournee in den USA zu sehen sein. Wie sie im 19. Jahrhundert nach Basel kamen, ist unbekannt. Dass sie überhaupt ans Tageslicht kamen, führen die Forscher auf kriminelle Aktivitäten zurück. «Wir gehen davon aus, dass sie von Grabräubern gestohlen wurden», sagt Projektleiter Rosendahl. Die mumifizierten Leichen seien in Särgen untergebracht gewesen, die nachweislich zu anderen Mumien gehörten.

Bei der Kooperation der Reiss-Engelhorn-Museen mit dem Universitätsklinikum arbeiten Wissenschaftler aus unterschiedlichen Disziplinen zusammen, darunter Anthropologen, Mediziner, Chemiker, Physiker, Biologen und Genetiker. Noch acht Monate lang werden sie die ihnen zu Studienzwecken zur Verfügung gestellten Mumien durchleuchten. «Jede Untersuchung ist ein weiterer Baustein, der uns Aufschluss über die jeweilige Epoche bietet», sagt Rosendahl. Die Erkenntnisse seien aber nicht nur kulturgeschichtlich bedeutsam, sondern auch für die Restaurierung der Mumien hilfreich.

(ddp)